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Reisen mit Sinnen
28.08.2026

Interview mit der Zukunftsforscherin Anja Kirig

Überlegungen zum Tourismus der Zukunft

Anja Kirig ist Zukunfts- und Trendforscherin. Sie hat Politikwissenschaft studiert und hat von 2005 bis 2023 eng mit dem Zukunftsinstitut Wien / Frankfurt am Main zusammengearbeitet. Heute ist sie mit The Future: Project verbunden und ist Mitgründerin des Zukunftspodcasts und Think Tanks Next Stop: Future. 


Frau Kirig ist (Co)-Autorin und Redakteurin zahlreicher Fachpublikationen und Keynote Speakerin. Ihr Schwerpunkt liegt in der Megatrendforschung und deren Auswirkungen auf die Themen Tourismus, Sport, Freizeitkulturen sowie Gesundheit und Wertewandel.

RMS: Overtourism ist in vielen Destinationen ein großes Thema. Wie könnte der Tourismus der Zukunft beziehungsweise nachhaltige touristische Unternehmen darauf reagieren?

AK: Overtourism ist ein Phänomen, das aus der wachsenden Begeisterung für das Reisen und der Konzentration auf bestimmte Reiseziele entsteht. Neben dem Naturraum ist es vor allem die lokale Bevölkerung, die an ihre Grenzen kommt, die Tourismusakzeptanz sinkt, es werden Rufe laut, in denen Gebiete für Locals only reserviert werden. Das zeigt, wie groß die Belastung ist. 

Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, besteht darin, die Orte exklusiver zu positionieren, Zugang zu erschweren und das Marketing gezielt auf bestimmte Zielgruppen auszurichten. Übernachtungsgäste statt Tagesgäste zum Beispiel. Begrenzte Anzahl an Touristen in einem Naturschutzgebiet. Dadurch könnte sich der Besucherstrom reduzieren. Gleichzeitig entwickelt ein Ort dadurch oft eine zusätzliche Anziehungskraft. Das mag in Teilen nachhaltiger sein, löst aber die Frage der sozialen Nachhaltigkeit nicht automatisch. Es macht Reisen exklusiv und stellt die Frage nach dem Recht auf Reisen. 

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, mithilfe von Daten und Besucherströmen intelligente Konzepte zur Besucherlenkung zu entwickeln. Das halte ich für einen wichtigen Baustein. Ich würde den Ansatz jedoch weiter fassen und zunächst aus der Perspektive der Destination denken, die von Overtourism betroffen ist. Hier braucht es mehr Handlungsoptionen und -spielraum für alle Beteiligten. Wir bezeichnen das als Agency. Davon betroffen sind nicht nur touristische Betriebe, sondern insbesondere auch die lokale Bevölkerung, die Natur und die Gäste selbst. Alle brauchen die Möglichkeit, aktiv mitzuwirken und Mitverantwortung zu übernehmen. 

Das ist keine einfache Aufgabe. Es reicht nicht, hier und da Partizipationsangebote zu machen. Es erfordert vielmehr eine Grundhaltung, in der die Destination als gemeinsamer Lebensraum verstanden wird, den alle respektvoll nutzen und gestalten. Natürlich kann man davon ausgehen, dass uns das Phänomen Overtourism auch in den kommenden Jahren begleiten wird. Umso wichtiger ist es, Lösungen zu entwickeln, die langfristig tragfähig sind und ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigen.

RMS: Welche Chancen ergeben sich für weniger bekannte Regionen, beispielsweise im Hinterland?

AK: Je stärker das Bewusstsein für Overtourism wächst und je mehr Reisende bereit sind, Verantwortung für ihr Reiseverhalten zu übernehmen, desto größer werden die Chancen für Regionen, die heute noch nicht ganz oben auf der Bucket List stehen. Allerdings reicht das allein nicht aus. Es braucht eine gezielte Ansprache der Menschen, die sich für solche Reiseziele begeistern lassen. 

Generell lässt sich bereits beobachten, dass mittelgroße und kleinere Städte sowie ländliche Regionen zunehmend an Attraktivität gewinnen und durchaus stärker frequentiert werden können. Das geschieht jedoch nicht von selbst. Es braucht eine klare Positionierung, passende Angebote und eine authentische Kommunikation, damit sich diese Potenziale tatsächlich entfalten. Und es benötigt die Infrastruktur vor Ort. Manchmal liegt es genau daran, dass ein Ort plötzlich Overtourism erlebt, weil die Grundstrukturen nicht gegeben sind. 

RMS: Was unterscheidet aus Ihrer Sicht einen Reiseveranstalter, der langfristig denkt, von einem, der nur auf kurzfristigen Profit aus ist?

AK: Ein Reiseveranstalter, der langfristig denkt, richtet sein Handeln an allen Dimensionen der Nachhaltigkeit aus. Er verfügt über eine hohe Zukunftssensibilität und betrachtet nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch die Auswirkungen seines Handelns auf Umwelt, Gesellschaft und alle Beteiligten im Tourismus. Langfristiges Denken bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen so zu treffen, dass sie auch in Zukunft Bestand haben. Es bedeutet auch gemeinsam mit anderen Akteuren zu verhandeln und zu gestalten. Die zentrale Frage lautet dann nicht "Wie viele Übernachtungsgäste hatte ich, wie viele Betten kann ich anbieten wie ist der Umsatz?“, sondern sie lautet, „welchen Mehrwert kann ich nicht nur für mich, sondern auch für die Region, für die Natur für die Bevölkerung vor Ort und die Gäste generieren - und das auf lange Sicht“. Das nennt man Legacy. 

RMS: Welche Art von Reiseangeboten werden Ihrer Meinung nach in zehn Jahren besonders gefragt sein? 

AK: Ein gutes Reiseangebot orientiert sich grundsätzlich an den Bedürfnissen der Menschen. Diese verändern sich mit der Gesellschaft. Schon heute beobachten wir, dass Themen wie Prävention, Off-Grid, Stille, Simplizität und Eskapismus immer wichtiger werden. 

Gleichzeitig wird die Digitalisierung, insbesondere durch Künstliche Intelligenz und digitale Assistenten, dazu beitragen, Reisen einfacher und komfortabler zu gestalten. Wenn organisatorische Aufgaben und Entscheidungen zunehmend abgenommen werden, kann das bereits bei der Entscheidungsfindung entlasten. Aus diesen gesellschaftlichen und transformativen Trends lässt sich bereits heute gut ableiten, welche Erwartungen Gäste in den kommenden fünf bis zehn Jahren an Reiseangebote haben werden.  

RMS: Wie verändern globale Herausforderungen wie Kriege, Krisen, politische Entwicklungen, der Klimawandel, Zukunftsängste oder die wirtschaftliche Situation das Reiseverhalten in Deutschland?

AK: Reisen bleibt für viele Menschen weiterhin ein hohes Gut. Gleichzeitig verändert sich das Bewusstsein für bestimmte Reiseziele, sei es aus politischen Gründen oder aufgrund von Sicherheitsbedenken. Die geopolitische Lage kann deshalb auch Chancen für den regionalen Tourismus schaffen. 

Gleichzeitig wird Urlaub in Deutschland oder in der eigenen Region häufig noch immer als Verzicht wahrgenommen, obwohl gerade darin großes Potenzial liegt. Speziell im Kontext Nachhaltigkeit. Die vergangenen Krisen haben jedoch gezeigt, dass sich Reisende vergleichsweise schnell an neue Rahmenbedingungen anpassen und schließlich wieder in alte Muster verfallen. 

Ich würde diese Frage allerdings auch an die Destinationen und die Tourismusbranche selbst zurückgeben. Die vielen globalen Krisen machen deutlich, dass wir uns mitten in einer umfassenden Transformation befinden. Zahlreiche Megatrends treffen gleichzeitig auf bestehende Strukturen, auf die häufig noch mit einzelnen Reformen oder punktuellen Anpassungen reagiert wird. Es gibt zwar Vorreiter, die beispielsweise in den Bereichen Ethik und Nachhaltigkeit neue Wege gehen. Insgesamt dominiert jedoch nach wie vor ein Denken, das vor allem auf Effizienz und Optimierung ausgerichtet ist. Für die Zukunft wird es entscheidend sein, stärker in resilienten, nachhaltigen und menschenzentrierten Modellen zu denken. 

Portrait einer einer etwa 50-jährigen Frau mit kurzen blonden Haaren, die frontal in die Kamera lächelt. ©Anja Kirig

Mehr Informationen über Anja Kirig und ihre Projekte erhalten Sie auf den folgenden Websites: 

https://anjakirig.de/blog/ 

oder unter 

https://www.nextstopfuture.de/ 

 

… und auf Social Media:  


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