Indien

Ein Reisebericht von Gerlinde Schulze-Thüsing

Über Indien wird derzeit nicht nur positiv berichtet. Aber was ist Indien? Ganz sicher ein Land voller Gegensätze. Es gibt schneebedeckte Berge, tropische Dschungel, trockene Gebiete, aber auch das Meer. Ein Land, in dem durchschnittlich 51% Analphabeten leben, aber in Kerala z.B. (Südindien) nur 2%.
Es gibt hier wohl alle Religionen, die wir uns vorstellen können, alle Haufarben und deren Mischungen. Es gibt 18 Amtssprachen, aber noch weitere 15 Sprachen, die jeweils von einer Millionen Menschen gesprochen werden.
Wir haben im November 2012 Südindien mit dem Bus und Fahrrad bereist, eine bemerkenswerte Reise, und um nicht alles schnell zu vergessen, habe ich meine Eindrücke zu Papier gebracht.

ONE WORLD Reisen mit Sinnen – Drahtesel und heilige Kühe
So war unsere Reise angekündigt, Südindien hautnah erleben. Drei wunderbare Wochen, aber keine Urlaubsreise, allerdings das wollten wir auch gar nicht. So begann unsere Reise in Frankfurt, Zwischenlandung in Abu Dhabi […] und weiter nach Chennai, früher Madras. Um vier Uhr morgens landeten wir, die Koffer waren da, also der erste Stein zur Seite gerollt. Es dämmerte und es war schwül warm. […]
Wir fanden unseren Reiseleiter sofort, es ging zum Bus. Jedem schnell eine Blumenkette umgehängt, Gruppenfoto, ein herzliches “Welcome“ und dann Abfahrt nach Mahabalipuram einer quirligen Stadt mit vielen “heiligen Kühen“ auf den Straßen. […]

Wanderung einer Gruppe durch ein Gebirge in Indien
Reisegruppe in Indien auf einem Berg

Die Fahrten mit dem Bus sind schon ein Erlebnis für sich. Kein Bus verfügt über Elektronik, nein, es sind die Motoren, die noch richtig von Hand repariert werden, und das passiert sehr häufig. […] Die Höchstgeschwindigkeit auf einer richtig großen Straße ist allenfalls 60 km in der Stunde. Das macht aber nichts, denn es gibt ja wirklich viel zu sehen. Da sind die riesigen Reisfelder in ihren verschiedenen Reifungsprozessen, die Teefelder oder Teeberge mit den unterschiedlichsten Grüntönen, die uns kilometerweit begleitet haben und natürlich die Menschen, die freundlich zurückhaltend, aber durchaus neugierig auf uns Exoten sind. […]

Unsere Radtouren, gingen mal an der Straße entlang, wenn es aber möglich war, selbstverständlich abseits der vielbefahrenen Hauptstraße. In den ersten Tagen machte uns der Linksverkehr zu schaffen, denn bei Kurven oder neuem Start, kamen wir wieder in unseren alten Trott, rechts zu fahren. Wir kamen in Gegenden, Dörfer oder Ansiedlungen, die wirklich nur zu Fuß oder per Rad zu besuchen waren. […]

Ganz besonders haben mich die Schulen und Schulkinder interessiert, die etwas abseits lagen, und fast immer von einem männlichen Rektor oder Schulleiter, aber sonst ausschließlich von Lehrerinnen geleitet wurden. Alle Kinder tragen eine Art Uniform – immer ordentlich und sauber. Der Unterricht beginnt um 9.00 Uhr und endet um 16.30 Uhr. Der Schulweg dauert nicht selten über eine Stunde, Busse gibt es nur für die oberen Klassen, weil die noch weiter entfernt liegen. In diesen Schulen sind häufig über 800 Schüler/innen.
[…]

Über die wunderschönen Tempelanlagen und deren Bedeutung, muss man extra schreiben. Die Geschichte und Geschichten sind so umfassend, dass es Bücher füllt. Allerdings ist es immer wieder überraschend, wie viele gemeinsame Wurzeln unsere Religionen haben. Zum Überleben dieser gewaltigen Anlagen, werden auch die Tempel-Elefanten eingesetzt, die für einen kleinen Obolus die Münze oder den Schein aus der Hand saugen, und einmal mit dem Rüssel über deinen Kopf streicheln. In dieser Zeit muss man sich schnell etwas wünschen, das geht dann bestimmt in Erfüllung. […]

Dorf auf einem steinigen Hügel in Indien
Dorf an einem steinigen Hang in Indien

Wir haben einmal an einer kleinen Speisung teilgenommen, die im Tempel auf einem kleinen Blatt gereicht wurde. Unser indischer Reiseleiter (Christ und Hindu)! erklärte uns, das gebe es oft. Wenn z.B ein Familienvater eine gute Erfahrung gemacht habe, wieder erlangte Gesundheit, gute Geschäfte etc., dann spendet er für die Priester oder die Gläubigen, eine sehr große Portion Reis, dieser wird dann mit vielen Gewürzen zubereitet, und gegen eine kleine Spende, wieder an die Tempelbesucher verteilt. Geben heißt hier Zufriedenheit und Dankbarkeit gegenüber anderen; uns hat es beeindruckt.

Reisen mit Sinnen! Heute hieß es: Munnar und Umgebung erleben. Dieser kleine Ort liegt schon richtig hoch in den Teebergen, etwa 1.600 m, für uns inzwischen an über 30°C gewöhnt, außergewöhnlich kalt. Tee aus höher gelegenen Gebieten soll besser sein. Wir hielten nach Teepflückerinnen Ausschau, und da waren sie. Ein buntes Gewimmel von Frauen, die aber nicht von Hand die frischen Blätter ernteten, sondern von einer Art aufgeschnittenem Kehrblech, der wie eine Schere blitzschnell auf- und zugeklappt wurde. Nach 5-6 Schnitten wurde das Blätterergebnis in den Fangsack auf den Rücken geworfen. Ein Band an der Stirn hielt diesen Rucksack. Keine leichte Arbeit. Uns wurde aber gesagt, diese Erntemethode setze sich immer mehr durch, denn das Ernteergebnis ist mehr als dreimal so hoch, und bezahlt wird nach Gewicht. Unser Reiseleiter hat uns aber versichert, diese Methode sei nicht die richtige, handgepflückt sei die Qualität viel besser, diese – schon halb mechanische Ernte – würde erst ganz zum Schluss der eigentlichen Teeernte eingesetzt.

Wir wurden abgeholt von einem jungen Biologen, der uns die Augen schärfte. Kräuter, Blumen und Kleintiere, aber auch Früchte, das war sein Metier. […] Es gab viele farbige Duftwinden oder Wandelröschen, winzig kleine Blümchen, aber auch Engelstrompeten in allen Größen und Farben. Ein kleiner Frosch, nicht größer als eine Fingerkuppe, wurde mir auf die Hand gesetzt, aber der Winzling hat es bis zum Foto nicht mehr abgewartet, schwupps – weg war er. Der Weg wurde enger und steiler. An einem Felsvorsprung sagte unser Reiseleiter, dass sich genau hier wilde Elefanten die Haut schubbern. […] Nach zweieinhalb Stunden erreichten wir etwas abgekämpft den Gipfel. Und dann zauberte er aus seinem Riesenrucksack Bananen, Orangen und Passionsfrüchte, alles viel fruchtiger und aromatischer, als man es hier bekommen kann. Er legte besonderen Wert auf Mülltrennung, denn unser Lunchpaket war in einer Plastikbox, selbst die Eierschale wollte er im Biomüll verstaut haben. Das war, gegenüber anderen Erfahrungen, vorbildlich. Bei einer Teilnehmerin hatte sich ein Blutegel ans Bein gesetzt, keiner hatte es gesehen, nur er. Ein Pülverchen auf diesen Parasiten gestreut…. und freiwillig verließ dieser seinen Wirt, ich glaube, dass er ohnmächtig geworden ist. Wir konnten dieses Pulver auch mal unter die Nase halten, ehrlich gesagt, so ein ekelhafter Geruch, da gibt wohl jeder schnell auf, da verlässt man gerne das Bein.

Reisegruppe vor Buddhistische Pagoden in Indien
Homestay Familie in Indien
Normaden Tal mit Büffelherde in Indien

[…] Ein großes Thema für uns sind noch immer die Harians oder Paria, die wir die “Unberührbaren“ nennen, eben die der untersten Kaste. Zwar darf offiziell nicht darüber geredet werden, denn es soll und darf sie im modernen Indien nicht geben. So kann jeder eine Schule besuchen, auch kostenlos. Die Kleidung wird zur Verfügung Gestellt und für die Ärmsten sind Studienplätze gesichert. Aber die Realität sieht wieder mal anders aus. Mittwochs stand in der Zeitung, dass ein junges Paar heimlich geheiratet hatte. Er aus dem Mittelstand, sie eine Unberührbare. Aus Gram und Scham hatte sich der Vater erhängt. […]

Eine Nacht auf einem Hausboot zu verbringen, gehört zum normalen Programm. In der Tat handelt es sich um ein Hausboot, denn es macht fast keinen Unterschied, ob Hotel oder Boot, nur hat man eben Wasser unterm Hintern und abends Mückeninvasionen. Über “Autan“ lachen sich die Mücken wohl schlapp, wir waren alle verstochen. Das Essen war hervorragend, die Stimmung prima und später wurden alle Lumpenliedle gesungen, die uns in den Kopf kamen. So haben wir zu acht ein Quodlibet gelernt, das wir einige Tage später zum Besten geben konnten. Und das kam so:

Chester, unser indischer Reiseführer, hatte seine Augen und Ohren überall. Ihm entging nichts. Festivitäten auf der Straße, Frauen die am Fluss Wäsche wuschen, Zuckerrohr-Fabriken, Reismühlen, er hatte alles im Blick und schärfte damit auch unsere Sinne. So waren wir mal wieder mit dem Rad unterwegs, und er sagte uns, hier müsse er mal schauen, da sei etwas los. Sein Englisch war übrigens so lustig, es passte richtig zu seiner Frohnatur. Ja, wir sollen kommen, hier ist eine Hauseinweihung, wir seien eingeladen. Fragende Blicke, einfach so?? Ja, ja, Räder abstellen und kommen. Zögerlich machten wir uns auf den kurzen Weg. Der neue Hausbesitzer im schneeweißen Anzug, seine junge Frau in einem wunderschönen Sari, und dann eine unüberschaubare Menschenmenge vom Kleinkind bis ins hohe Alter. Und wir? Verschwitzte Radfahrer, staubig und ölig von der Sonnencreme, immer mit einer schussbereiten Kamera (jetzt aber noch im Etui). Chester übersetzte: 
Der Hausherr ist überglücklich und er sieht es als ganz tolles Zeichen (Finger in Richtung Himmel), dass sein neues Haus von Europäern mit eingeweiht würde. Er danke Shiva, wir sollen sein Haus betreten, Schuhe dürfen wir anlassen, und dann zum Essen bleiben. So gingen wir dem Hausherrn hinterher, bestaunten Zimmer für Zimmer, auch wenn noch keine Möbel drinstanden, aber es war alles vom Feinsten. Das Fernsehen war auch da, und so standen wir irgendwo mal fest, es ging nicht mehr vor und auch nichts zurück. Kommt, jetzt singen wir unser Quodlibet, das passt. Klar, also angestimmt, und weil es vierstimmig war, und dieser Hausflurplatz eine wunderbare Akustik hatte, klang das wirklich gut. Ein Riesenbeifall, und schon kam eine indische Antwort mit viel Rhythmik und einer etwas anderen Art von Harmonie für unsere Ohren. Das war wirklich eine internationale Verständigung, die unter die Haut ging. Händewaschen, und dann wurde zum Essen eingeladen. […] Auf einem langen Brett wurde eine Art Tapete abgerollt, ruck, zuck für jeden eine grüne Unterlage (Bananenblätter sind bei der Menge wohl nicht zu bekommen), und dann ging es Schlag auf Schlag. Zuerst der Reis, vier oder fünf verschiedene Soßen ein luftiges Gebäck, und dann aber anfangen. Wir waren schon geübt, und gegessen wurde mit der rechten Hand, ohne andere Hilfsmittel. Die Hände hatten wir am Hausbrunnen sorgsam gewaschen. Noch einen Nachtisch, eine Tasse Masala-Tee und dann standen hinter uns schon andere hungrige Gäste. Mit einem großen Dankeschön wurden wir verabschiedet. Auch hier war zu spüren, Geben macht zufrieden und fröhlich. Wir können nur lernen.

Irgendwann hatte uns die Presse aufgespürt. Ein Foto, einige Notizen, und siehe da, am anderen Tag waren wir in der Zeitung. Nun, diese Zeitung hat wohl jeder mit nach Hause genommen, obwohl die Kringel und Bogen niemand von uns lesen kann. Chester übersetzte:
Eine deutsche Gruppe, mit dem Bus, per Rad (Drahtesel)! unterwegs in Südindien. Die Zeitung muss wohl doch von Einheimischen gelesen worden sein, denn sie erkannten uns in Arthunkal vor der größten Kirche in Karnataka, die St. Andrew’s Kirche. Mich interessierte die viel kleinere Basilika St. Sebastian, in der wohl gerade eine Messe beendet war. Wunderschöne Frauen in ihren farbigen Saris, und die fast immer in Weiß gekleideten Männer, das wollte ich schnell mit der Kamera einfangen. “Bitte wechseln Sie den Akku“ – na prima! Zwei junge Männer kamen auf mich zu, einer mit einem Tablett Tee, in kleinen Pappbechern, der andere mit Keksen. Einfach so nehmen? Ja, einfach so. Es gab auch keinen Spendenteller. Also erlebte ich auch hier wieder, den liebevollen und fröhlichen Umgang der Inder mit wildfremden Menschen. […]

Wandergruppe in bergiger Landschaft von Indien

Noch eine Menge Geschichten und noch viel Geschichte kann man über Südindien schreiben. Dieser Bericht sollte höchstens zwei Seiten lang werden, das ist mir nicht gelungen, denn es waren so viele Eindrücke, die diese Reise so lebendig gemacht haben, und da in Indien die Uhren wirklich langsamer gehen als hier, kann man es vielleicht verstehen. Ich habe mich ein wenig angepasst.

 


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